Der Soldat Paul Klee
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Gleich nach seinem Abitur 1898 kommt Klee 1879 als Sohn eines deutschen Musiklehrers und einer schweizerischen Sängerin in Bern geboren nach München um ein Kunststudium aufzunehmen. Während des anderthalbjährigen Aufenthalts in München lernt er seine spätere Frau, die Pianistin Lily Stumph, kennen und wird gleichzeitig mit Kandinsky an der Akademie im Malkurs des be-rühmten Malers Franz von Stuck aufgenommen. In die Schweiz zu-rückgekehrt, nimmt er seine Tätigkeit als Geiger im Berner Stadtor-chester wieder auf. Nach einer für ihn künstlerisch bedeutsamen Parisfahrt kehrt er 1906 nach München zurück, wo er Lily heiratet. Das Paar bezieht eine Wohnung in der Ainmillerstraße, in der auch Kandinsky wohnt.
Durch Ausstellungen und Galerie-Besuche lernt er 1911 nacheinan-der Macke, Marc, Jawlensky und Münter kennen und schließt sich, nach dem Bruch seiner Kollegen mit der Neuen Künstlervereini-gung, dem Blauen Reiter an. Mit seinen Freunden Macke und Moil-let macht Klee 1914 (noch vor Kriegsausbruch) die berühmte ge-wordene Tunesien-Reise, bei der er wichtige künstlerische Erfahrungen auf dem Weg zur Farbe und Abstraktion macht.
Genau eine Woche nach dem Feldtod von Franz Marc (4.3.16) erhält Klee als deutscher Staatsbürger einen Einberufungsbefehl, der ihn zur Grundausbildung nach Landshut beordert. Auf Anordnung einer höheren Stelle schickt man ihn glücklicherweise nicht an die Front, sondern versetzt ihn im August als Pionier zur Werftkompanie der Flieger-Ersatzabteilung Schleißheim. Es ist nicht genau bekannt, welcher Schutzengel seine Hand über Klee gehalten hat. Sicher ist, dass er - ohne sein Wissen - für die Flugausbildung vorgeschlagen wurde und so der Infanterie entkam.
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| Klee (Pfeil) bei der Grundausbildung in Landshut | Bayerischer Flieger beim Bahntransport an die Front | Kriegsstammrolle Klees mit Entlassungsdatum und Unterschrift |
Gleich zu Beginn seiner Dienstzeit erhält er drei Wochen Urlaub, um eine Gedächtnisausstellung für seinen gefallenen Freund Marc in der Galeriestraße vorzubereiten. Der Anschein der Protektion macht ihn bei seinen Kriegskameraden nicht gerade beliebt. In der Schleißhei-mer Flugwerft muss er sich hauptsächlich um die Instandhaltung und Reparatur von Flugzeugen kümmern. Er wird überwiegend mit der Lackierung und Tarnbemalung von Tragflächen beauftragt. Die Un-terbringung in Schleißheim ist miserabel. Als Quartier dient das O-bergeschoss der früher als Heuschober benützten Kapelle (neben der Schlosswirtschaft). Entsprechend dürftig waren die sanitären Ein-richtungen. Die Verpflegung ist karg und miserabel. Willkommene Abwechslung vom Soldatenalltag bringen ihm drei Transportaufträge, die ihn nach Köln, Cambrai (im besetzten Frankreich) und Nordholz (Nordseeküste) führen. Die Umsteigestationen und Hotelaufenthalte bei den langen Bahnfahrten führen ihn auch nach Berlin und Brüssel, wo er Zeit für private Erkundungen und Besuche hat. Künstlerische Muße findet er nicht allzu oft; immerhin kann er aber in der Schleißheimer Zeit 40 Werke vollenden.
Als im Frühjahr 1917 die Anzahl der bayerischen Fliegerverbände von 18 auf 41 aufgestockt wird, reicht die Ausbildungskapazität von Schleißheim nicht mehr aus, das bis dahin die einzige bayerische Flugschule war. So erhält Klee, gerade vom dritten Transport aus Nordholz zurückgekehrt, den Marschbefehl an die neu zu errichten-de Fliegerschule Gersthofen (bei Augsburg).
Im Gersthofen ist die Infrastruktur noch im Entstehen. Es spricht sich schnell herum, dass Klee Künstler ist, was ihn etwas vom mili-tärischen Drill befreit. Als ihn sein Kompaniechef um eine Zeich-nung mit einem bayerischen Löwen für das Kompanie-Fotoalbum bittet, hat Klee Schwierigkeit einen leibhaftigen Löwen zu zeichnen. Durch den Betrieb der Flugschule kommt es vielfach zu Abstürzen der Flugneulinge. So erhält Klee immer wieder den Auftrag, die Flugzeugabstürze (auch mit der Kamera) zu dokumentieren. Als Intellektueller wird er überwiegend in der Schreibstube eingesetzt und arbeitet sich gut in der Kassenführung ein. Dies führt dazu, dass er, öfter als ihm lieb ist, Wochenend-Dienst schieben muss, was Be-suche bei der Familie in München verhindert. In der Dienstzeit kann er nicht so viel malen, wie er gern möchte. Jedoch zeigt sein Werk-katalog aus den Jahren 1917-1918, dass er in Gersthofen zahlreiche Anregungen für eigene Werke erhielt, unter anderem bei Wanderun-gen durch die Lech-Auen der Umgebung.
Im März 1918 wird Klee vom Pionier zum Gefreiten befördert. Die-ser Rang bleibt ihm bis zum Ende des Weltkriegs. Seinen Posten als Zahlmeister behält er darüber hinaus bis Februar 1919, da die De-mobilisierung und Rückführung der Truppen umfangreiche Verwal-tungsarbeiten notwendig machen und er weiterhin benötigt wird. Der Ausbau der Wohnbaracken wird nun vollendet, Klee erhält sogar seine eigene Baracke, die er in einer Zeichnung dokumentiert. Sei-nen Antrag auf Entlassung vom Militär wird vom Soldatenrat in Gersthofen erst am 4.Februar 1919 stattgeben; er muss aber nach dem Weihnachtsurlaub nicht mehr nach Gersthofen zurückkehren. Bayern hatte nach der Novemberrevolution 1918 einen Rat der Volksbeauftragten erhalten und wird im April zur Räterepublik.
Mittlerweile hat sich Klee einen Namen gemacht, diverse Bilder verkaufen können und erste Mäzene gefunden. Sein 1918 begonnener Aufsatz Schöpferische Konfession erscheint 1920; darin schreibt Klee: “Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“
Auch erscheinen 1920 die ersten Biografien von Zahn und Wedder-korp und Hausensteins Kunstgeschichte mit positiver Rezeption der Kleeschen Werke. Am 25.November 1920 erhält er den Lehrauftrag für Glasmalerei von Walter Gropius am Bauhaus, zunächst in Des-sau, dann, ab 1926, in Weimar. Zusammen mit seinem Kollegen Kandinsky, der ebenfalls ans Bauhaus berufen wird, eröffnet sich für beide Blauen Reiter eine neue Ära.
D. Herrmann