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1 zu Marc zu Bilder von F.Marc
Ehepaar Marc (links) mit Kandinsky (sitzend)
Fortan war sein Schaffensdrang kaum noch aufzuhalten. Unablässig beschäftigte er sich mit seinem ganz persönlichen System der Komplementärfarben, um aus seiner "Beliebigkeit der Farbe" herauszukommen. "ich fühle übrigens, daß es mir mit jedem Tage mehr gelingt", heißt es in einem Brief aus dieser Zeit: "Ich bin auch froh, daß ich es in solcher Abgeschiedenheit tue, ohne Kollegen etc., es kommt für mich dabei sicher etwas Selbständigeres und Originelleres heraus, wie es auch früher der Fall war mit meinen Kompositionen und Farbideen. Letztere sind aber nun wirklich abgetan. Ein Sprung zurück wäre mir ganz unmöglich..".
Selbstverständlich zögerte er nicht, der Neuen Künstlervereinigung beizutreten, von deren Mitgliedern, insbesondere von Kandinsky, Jawlensky und Gabriele Münter, er auf das stärkste beeindruckt war. Während der ersten drei Monate des Jahres 1911 wohnte und arbeitete Helmuth Macke gemeinsam mit Franz Marc in Sindelsdorf. Er berichtete: "Marc führte ein sehr regelmäßiges Leben. Um halb neun, nach dem Frühstück war er auf seinem Atelier oder besser seinem Dachboden und malte genau bis zum Glockenschlag zwölf, bei dessen Schall zu gleicher Zeit auch der große weiße Schäferhund zu jaulen anfing. Spätestens halb zwei Uhr stand Marc wieder vor seiner Staffelei, auf dem zugigen Boden mit unverputzten Pfannen, auf welchem eigentlich dieselbe Temperatur herrschte wie draußen. Er war eingehüllt in einen alten schwarzen Mantel, dessen mit Persianerpelz besetzten Kragen hochgeschlagen. Unter seiner vor Kälte feuchten Nase hing als Wärmespender die Zigarette zwischen den schmalen Lippen. Aber im übrigen war er vollständig absorbiert von seiner Arbeit, denn zu dieser Zeit erfolgte der Durchbruch zu seiner eigenen Form. Er hatte immer eine Folge von Bildern zu gleicher Zeit in Arbeit. Damals gehörte zu diesen Bildern als das Führende das jetzt im Folkwang-Museum befindliche Pferdebild. Dann und wann kam ein neues Bild hinzu, das er den Abend vorher in seinem Skizzenbuch entworfen. (Ein Skizzenbuch, das zugleich eine Art künstlerisches Tagebuch war). Nachmittags malte Marc bis zum Dunkelwerden. Nach dem Tee machten wir einen kleinen Gang, dann erledigte Marc seine Post, und nach dem Abendbrot saß er zeichnend und spintisierend in seinem Rohrstuhl, und zu dieser Stunde entstanden die meisten seiner Bildentwürfe".
Pferdeplastik v.F.Marc
Oft beschäftigte er sich allerdings auch mit seinen Plastiken. Damals stand eine große weibliche Figur in Wachs immer auf seinem Modellierbock in der Ecke, die aber nie fertig wurde und die tollsten Metamorphosen durchmachte. Um zehn Uhr war Schluß des Tages. Dieser Rhythmus wiederholte sich mit geringen Unterbrechungen und änderte sich in seiner Grundstruktur auch nicht, als seine Frau im März aus Berlin zurückkehrte .. Hier möchte ich noch einflechten, daß die abendlichen Spaziergänge uns auf eine kleine Höhe führten, von welcher man einen Blick in ein arenaartiges Tälchen hatte. Als ich dort das erste Mal mit Marc stand und er sinnend die Landschaft betrachtete, lächelte er plötzlich verschmitzt, dann ging er in ein kleines Tannengebüsch und winkte mir zu folgen. In diesem Gebüsch war ein großer Kasten mit Teerpappe bekleidet, er sah aus wie eine riesenhafte Bilderkiste. Marc erzählte mir, daß in diesem Kasten eine ebensogroße Leinwand gestanden habe, an der er im vergangenen Sommer gemalt habe. Auf meine Frage, wo denn das Bild geblieben sei, lachte er und sagte, er hätte es zerschnitten, es sei ein Monstrum gewesen. Aber er habe daran viel gelernt und vor allen Dingen dann mit der Draußenmalerei Schluß gemacht...."
In der folgenden Zeit entstanden u.a. die Olgemälde Blaues Pferd l, Der Stier und Die gelbe Kuh, Werke, die durch die Eindringlichkeit und die Aussagekraft ihrer Farbgebung eine neue Periode im Schaffen Franz Marcs eröffneten. Die Farbe diente jetzt ausschließlich dem Symbolgehalt und nicht dem Zwecke einer naturalistischen Darstellung. Farbe und Gegenstand wurden als voneinander unabhängige Bildelemente behandelt, wobei die Farbe selbstverständlich einer bestimmten Gesetzmäßigkeit unterlag. So sollte Blau beispielsweise das Männliche, Herbe und Geistige versinnbildlichen, Gelb dagegen das Weibliche, Sanfte, Heitere und Sinnliche, und Rot die Materie. "Jede Farbe muß klar sagen, wer und was sie ist, und muß dazu auf einer klaren Form stehen", erklärte Marc, und wenig später schrieb er - gleichsam ergänzend -: "Niemals werde ich um dekorativer Wirkung willen einen Busch blau machen, sondern nur, um das Pferd, das sich von ihm abhebt, in seiner ganzen Wesenheit zu steigern. Aber die Mittel müssen immer mehr rein malerisch sein". Der künstlerische Durchbruch war gelungen. Im Mai 1911 fand bei Heinrich Thannhauser eine zweite Ausstellung mit Werken des Malers statt.
Privat hatte es seit der Scheidung von Marie Schnür zahlreiche Unannehmlichkeiten zu überwinden gegeben, bevor es Franz Marc im Juni 1911 endlich möglich war, seine langjährige Lebensgefährtin Maria Franck zu heiraten. Da die Ehe jedoch in England geschlossen wurde, kam es wiederum zu einer unliebsamen Überraschung, als sich bald darauf herausstellte, dass diese Heirat nach deutschem Gesetz jeglicher Rechtsgültigkeit entbehrte. Erst mit der standesamtlichen Trauung vom 3. Juni 1913 wurde das Bündnis endgültig legitimiert.
Auch innerhalb der "Neuen Künstlervereinigung" waren im Verlaufe des Jahres 1911 Schwierigkeiten aufgetreten, die zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten und letztlich zum internen Eklat führten. Franz Marc und Wassily Kandinsky zogen daraufhin als erste die Konsequenzen. Seinem Bruder schrieb Marc am 3. Dezember: "Die Würfel sind gefallen, Kandinsky und ich sind nach wirklich schauderhaften und aufregenden Scenen aus dem Verein ausgetreten .. Nun heißt's zu zweit weiterkämpfen! Die "Redaktion des Blauen Reiter" wird jetzt der Ausgangspunkt von neuen Ausstellungen. Ich denke, es ist ganz gut so. Wir werden suchen, das Zentrum der modernen Bewegung zu werden.."
Kandinsky äußerte einmal: "Den Namen Der Blaue Reiter erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf (wo Marc wohnte). Beide liebten wir Blau, Marc - Pferde, ich - Reiter. so kam der Name von selbst."
Es dauerte nicht lange, da schlossen sich auch andere ehemalige Mitglieder der "Künstlervereinigung" dieser neuen "Redaktion des Blauen Reiter" an, so daß bereits im Dezember des Gründungsjahres die erste gemeinsame Ausstellung bei Heinrich Thannhauser stattfinden konnte. Ihr folgte von Februar bis April 1912 eine weitere, diesmal in der Kunsthandlung Goltz. Im Mittelpunkt der zweiten Ausstellung standen Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik. Auch Paul Klee befand sich unter den Teilnehmern.
Etwa um 1913 begann Franz Marc, sein Augenmerk auf geometrisch-kristallische Formen und transparente Farbflächen zu lenken. So kam es u.a. zu den bedeutenden Kompositionen "Der Turm der blauen Pferde", "Stallungen" und "Bild mit Rindern". Diese Werke führten dann kontinuierlich weiter bis hin zu der reinen Abstraktion seiner vier Bilder mit den Titeln: "Heitere Formen", "Spielende Formen", "Kämpfende Formen" und "Zerbrochene Formen" (jeweils 1914 entstanden).
Bald darauf legte Marc den Pinsel aus der Hand, um seinen Dienst als Kriegsfreiwilliger anzutreten. Sein Haus in Ried bei Benediktbeuern, das er zusammen mit seiner Frau erst kurz zuvor bezogen hatte, sollte er - außer für ein paar Urlaubstage - nie wiedersehen und die Arbeit in seinem Atelier nicht wieder auf nehmen können.
Während des Krieges waren die Schaffenskraft und der Ideenreichtum Franz Marcs aber keineswegs erloschen. "Ich zeichne jetzt zuweilen, Fragmente zu Bildern, Anregungen zur Bibelillustration, die mich erneut reizt, kleine Kompositionen und dergleichen", schrieb er im März 1915 an seine Frau. "Aber ich merke schon, eigentlich arbeiten werde ich erst wieder in Ried können, mit vollem Material, Holzstock und - großer Ruhe." Da ihm dies jedoch nicht vergönnt war, bleibt das "Skizzenbuch aus dem Felde" das letzte Dokument des Künstlers.
Skizze a.d.(Kriegs-)Tagebuch
Am 4. Februar 1916 erhielt Maria Marc die Nachricht, ihr Mann und einige andere "ungewöhnlich begabte und im Felde stehende Künstler" würden möglicherweise in absehbarer Zeit von der Front zurückgezogen. Einen Monat später, am 4. März, versicherte ihr Marc zuversichtlich in einem Brief: ".Ja, dieses Jahr werde ich auch zurückkommen in mein unversehrtes, liebes Heim, zu Dir und zu meiner Arbeit. Zwischen den grenzenlosen schaudervollen Bildern der Zerstörung, zwischen denen ich jetzt lebe, hat dieser Heimkehrgedanke einen Glorienschein, der garnicht lieblich genug zu beschreiben ist .. Momentan hausen wir mit der Kolonne auf einem gänzlich verwüsteten Schloßbesitz, über den die ehemalige französische Frontlinie ging.. Sorg Dich nicht, ich komm schon durch, auch gesundheitlich. Ich fühl mich gut und geb sehr acht auf mich."
Franz Marc hat die ersehnte Heimkehr nicht mehr erlebt. Noch am Nachmittag des gleichen Tages fiel er den tragischen Kriegsereignissen zum Opfer und fand im Park des Schlosses Gussainville bei Braquis seine (vorläufige) letzte Ruhestätte. Trotz der wenigen Jahre, die ihm für sein künstlerisches Schaffen beschieden waren, gelang es ihm, als einer der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts in die Kunstgeschichte einzugehen und sich durch sein Können ein Denkmal zu setzen, das weit über die Grenzen seiner deutschen Heimat hinausragt.
"Der Künstler ist Werkzeug und schafft selbstlos, und steht hinter seinem Werk wie der Evangelist hinter dem Evangelium. Er muß nicht dem Werke Größe verleihen, sondern das Werk ihm. Nur so wächst das Werk in's Ungemessene und Zeitlose." Dies war sein Ziel, er hat es erreicht.