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zu Bilder von F.Marc
Im Zwiespalt mit sich und seinen Gefühlen ließ sich Marc im März 1907 zu einem Schritt verleiten, der ebenso unbedacht wie unverständlich war, und den er schon wenig später bereute. Er heiratete seine Kollegin Marie Schnür, der er sich zwar seit längerem freundschaftlich verbunden fühlte, die er aber keineswegs liebte. Es handelte sich lediglich um eine sogenannte Scheinehe, die für Marie Schnür aufgrund bürokratischer Gegebenheiten dringend erforderlich war, da sie nur auf diese Weise, d.h. nur als Ehefrau, endlich ihren unehelichen kleinen Sohn zu sich nehmen durfte, der bis zu diesem Zeitpunkt bei ihren Eltern aufwachsen musste, weil sich der Vater des Kindes von ihr getrennt hatte. Marc, der selbst an einem Tiefpunkt seines Lebens angelangt war, zeigte sich widerstandslos bereit, einen solchen Pakt zu schließen, ohne sich über die Konsequenzen, die sich daraus ergeben könnten, Gedanken zu machen. Dass für ihn die Heirat ohne tiefere Bedeutung war, beweist die Tatsache, dass er noch am Abend des 26. März, also unmittelbar nach der Trauungszeremonie, allein nach Paris reiste.
Erst dort gelang es ihm allmählich, als Mensch und Künstler wieder zu sich selbst zu finden und sein seelisches Gleichgewicht einigermaßen zurückzuerlangen. Seiner Freundin Maria Franck berichtete er: "Ich war selten so sehr mit mir einig als Künstler wie diesmal in Paris. Diese 8 Tage gehören zu den traumhaftesten Tagen meines Lebens, - und voll Gewinn. Ich sah mir nur wenig Anderes an als die beiden großen neuen Meister van Gogh und Gauguin und daneben ägyptische und mittelalterliche Plastik und Rodin. Am meisten aber 'la belle Seine..' zu allen Tagesstunden und Nachtstunden. Ich war unsagbar glücklich allein sein zu dürfen, und was man dazu dachte, kümmerte mich nicht. Ich denke, die Menschen, die mich und Schnür etwas lieben und respektieren, werden sich doch mit dem Gedanken beruhigen: die beiden werden schon wissen, was und warum sie etwas thun. Thu mir die Liebe und denk auch Du unbefangen und in ähnlichem Sinne ..".
Holzschnitt v. F.Marc
Noch im gleichen Jahr begann Marc, sich intensiv seinem Lieblingsobjekt, dem Tier, zuzuwenden, wobei ihm die Kenntnis der Anatomie ebenso wichtig erschien, wie die genaue Beobachtung und Ergründung der Verhaltensformen. Als Studienplatz wählte er für diese Zwecke den Zoologischen Garten in Berlin, von dem er meinte, er sei voll des Wunderbaren, voll Geist. Infolge dieser eingehenden Forschungsarbeit entstanden bereits damals zahlreiche Zeichnungen, Aquarelle und Lithographien, auf denen die verschiedenartigsten Tiergattungen dargestellt sind. So z.B. Seeadler und Eulen, Bärenstudien, Skelett eines Elefanten, Hirschpaar u.a. (jeweils 1907). Stets versuchte er, das Typische im Bilde festzuhalten, nachdem er zuvor das Psychische ergründet hatte. "Gibt es für Künstler eine geheimnisvollere Idee als die, wie sich wohl die Natur in dem Auge eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein Pferd die Welt oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund? Wie armselig, seelenlos ist unsere Konvention, Tiere in eine Landschaft zu setzen, die unsren Augen zugehört, statt uns in die Seele des Tieres zu versenken..". Diese und ähnliche Überlegungen beschäftigten ihn immer wieder. Gegen Ende des Jahres 1907 sah sich Franz Marc gezwungen "Amateurvorträge" zu halten und Unterricht in anatomischem Zeichnen zu erteilen, um seine Finanzen aufzubessern.
Seine Arbeit hatte aber mittlerweile eine Phase erreicht, die auf kontinuierlichem Wege zum Erfolg führen musste. Unverkennbar blieb 1908 zunächst noch der Einfluss van Goghs, vor dessen Werken es Marc während seines letzten Aufenthaltes in Paris gelungen war, seine schwankende, geängstete Seele zu beruhigen. Ein weiteres Verdienst an der wiedergewonnenen Ruhe, die seine künstlerische Aktivität beflügelte, kam auch der Freundin und Kollegin Maria Franck, seiner späteren Frau, zu. In ihr hatte der Künstler längst seine wirkliche Lebensgefährtin gefunden, doch war an eine Eheschließung der beiden vorerst nicht zu denken, da die Ehe mit Marie Schnür noch bestand.
In den Sommermonaten des Jahres 1908 arbeitete Marc in Lenggries. Maria Franck begleitete ihn dorthin, und wir verdanken ihr eine ausführliche Schilderung der Entstehung wichtiger Bilder, wie z.B. des Ölgemäldes Lärchenbäumchen:
"..Mein Mann hat es in Lenggries gemalt, in einer kleinen Schonung, die bestanden war von Lärchen und Tannenbäumchen. Wir zogen dazumal immer morgens zusammen zu dem ganz stillen, einsamen Studienplatz, fern vom Dorf, - der in der prallen heißen Sonne lag. Für meinen Mann konnten die 'Motive' nicht hell und sonnig genug sein, er wollte Oberhaupt nur die Sonne malen, - und ich war so begeistert durch ihn, daß ich es mit größtem Eifer mittat. So standen wir wochenlang dort und malten am selben Fleck, - jeder suchte sich solch ein Bäumchen aus. Es wurde in unheimlichen Mengen Cadmium hellst und Kremser-weiß (das war das beste, was es gab) vermalt - und wir ließen uns richtig da schmoren in der Sonne, so heil begeistert, wie das Fleckchen Waldschonung selber heil war. Damals ist das wirklich sehr, sehr reizende Bild vom Lärchenbäumchen entstanden, .. das war das schönste Bild derzeit und gehört Oberhaupt zu den allerbesten Sachen, die Franz Marc gemalt hat.
Ich kann mich auch noch gut erinnern, wie blöd die Kollegen in München vor diesen Bildern standen, auch vor dem Waldinnern, - sie wußten nichts, aber auch
garnichts damit anzufangen. Sie sahen es nicht, sie spürten auch nicht die Liebe und Hingabe, die Franz Marc in diese Bilder hineinlegte, - man sollte so richtig spüren, wie es hineinführt zwischen den Bäumchen in die Schonung. Ja, was waren das für glücklicheZeiten, wie ahnungslos ist man gewesen. Es beschäftigte ihn auch die Vorstellung, daß ein Bild standhalten müßte gegen das Licht, das Bild durfte nicht als dunkler Fleck wirken. So kam er zu diesen hellen Bildern. Später im Sommer fing er dann das große Lenggrieser Pferdebild an, das er auf einer Pferdeweide malte, die aber an den Seiten von schattenspendenden Bäumen umgeben war, unter die er seine Staffelei mit dem großen Bilde stellte. Er ging immer den Pferden nach, beobachtete sie und 'lernte auswendig', wie er das nannte, - dann kehrte er zur Staffelei zurück und malte weiter.."
Marc beim Kaffeetrinken
Wenig später konnte Franz Marc mit Hilfe seines Studienkollegen Fritz Osswald erste Kontakte mit den Kunsthändlern Brakl und Thannhauser aufnehmen und ihnen einen Teil seiner Arbeiten verkaufen. Obwohl Brakl - aus welchen Gründen auch immer - Marc's Bilder zunächst im Verborgenen hielt, wurden durch Zufall zwei seiner Lithographien (Pferde und Badende Frauen) unter dem Tisch des Kunsthändlers entdeckt und erregten große Aufmerksamkeit. Die "Entdecker" waren keine geringeren als August Macke, sein Vetter Helmuth sowie Bernhard Koehler jun., Fachleute also, noch dazu recht wohlhabend, vor allem aber so interessiert, dass sie unbedingt weitere Werke sehen und Marc persönlich kennen lernen wollten.
Aufgrund dieser ersten Begegnung, die bereits am folgenden Tag, dem 6. Januar 191 0, in dem neuen Atelier des Künstlers in der Schellingstraße stattfand, hegte Marc die berechtigte Hoffnung, endlich "einen Kreis von intelligenten Malern" gefunden zu haben. Es entwickelte sich schon bald eine herzliche Freundschaft. Darüber hinaus setzte eine intensive Zusammenarbeit ein, die äußerst fruchtbare Auswirkungen auf die Realisierung seiner Vorstellungen und Ideen hatte. Jetzt erst begann der eigentliche Aufschwung. Franz Marc's erste Ausstellung in der Kunsthandlung Brakl löste im Februar des gleichen Jahres ein positives Echo bei der Presse aus, und eine Reise nach Berlin, deren Anlass ein Besuch bei Bernhard Koehler war, brachte im April einen weiteren Erfolg, auch in pekuniärer Hinsicht. Man traf bei dieser Gelegenheit ein Abkommen, bei dem sich Bernhard Koehler verpflichtete, die Hälfte der Bilder des Malers ungerahmt zu übernehmen und dem Künstler monatlich dafür 200 Mark zu zahlen. Die Geltungsdauer dieses Vertrages wurde vorerst auf ein Jahr festgesetzt.
Franz Marc hatte inzwischen sein Münchner Atelier aufgelöst und sich in Sindelsdorf angesiedelt. Dort malte er wiederum nach der Natur. Noch immer war er mit seinen Leistungen weitgehend unzufrieden, und es kam nicht selten vor, dass er seine Arbeiten vernichtete, weil er etwas an ihnen vermisste, ohne sich selbst darüber im Klaren zu sein, was es war. Als er dann im September in München die Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung besuchte, wurde ihm angesichts der Bilder seines russischen Kollegen Wassily Kandinsky schlagartig bewusst, woran es ihm bislang gemangelt hatte: Alles stand bei mir auf einer organischen Basis, nur die Farbe nicht, bemerkte er.