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Wassily Kandinsky , Gabriele Münter,
August Macke, Alexej Jawlensky,
Unter dieser Erkenntnis begann sich Kandinsky, der sich damals
mit der Niederschrift seines Buches »Ober das Geistige in
der Kunst« beschäftigte, nun schrittweise zu reinen
Farbharmonien vorzutasten, die, befreit von allem Gegenständlichen,
die Schwingungen der Seele sichtbar machen sollten, wie ja auch
die Musik solche Schwingungen in reinen Klängen ausdrückte.
Hatte ihn bereits sein "Lohengrin"-Erlebnis die Analogie
von Musik und Farbe intuitiv erfassen lassen, so ging er nun
daran, diese Probleme gedanklich zu durchdringen. Ganz folgerichtig
mündete der eingeschlagene Weg in seinem 1910 gemalten Ersten
abstrakten Aquarell. 1911 kam es in der "Neuen Künstlervereinigung"
zu Meinungsverschiedenheiten. Kandinsky, Marc, Kubin und Gabriele
Münter traten aus; sie veranstalteten in der Münchner
Galerie Thannhauser eine eigene Ausstellung, an der sich
unter anderen auch Macke und Heinrich Campendonk beteiligten.
Diese Ausstellung erhielt die Bezeichnung Der Blaue Reiter
nach dem Jahrbuch, das Kandinsky und Marc für den Piper-Verlag
gestalteten; das Titelblatt wurde von Kandinsky mit einer Variante
seines Blauen Reiters geschmückt.
Das Jahrbuch kam 1912 heraus und gab der Gruppe, der sich auch Paul Klee angeschlossen hatte, ihren Namen. Wenn auch "Der Blaue Reiter" immer eine freie Vereinigung ohne alle organisatorischen Formen blieb, so wurde er doch sehr rasch der wesentlichste Faktor im Münchner Kunstleben. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges fand »Der Blaue Reiter« zwar sein Ende, erlebte aber nach dem Krieg unter mancherlei Wandlungen in der Arbeit des Bauhauses eine Art von Auferstehung. 1912 gab Piper Kandinskys Buch "Über das Geistige in der Kunst" heraus. Kandinsky begründete in diesem Werk die Ästhetik der abstrakten Kunst, die nach seiner Ansicht die Zukunft beherrschen werde.
Er unterschied dabei drei Arten von Malerei: die "lmpression"- als das direkt von der Natur Inspirierte, die "Improvisation", als den unbewussten, spontanen Ausdruck der inneren Wesensart und die "Komposition" als die langsam und bewußt geformte Aussage über die innere Vorstellungs- und Gefühlsweit. Wiederholt verwickelte sich Kandinsky in Widersprüche; seine Theorie der Farben ist trotz mancher Analogien zu Goethes Farbenlehre sehr eigenwillig. Nach Kandinskys Grundtheorie entspringt die Kunst nicht dem Vorsatz, die Natur zu spiegeln, sondern vielmehr einem inneren Gefühlszwang sowie dem Verlangen, diese Gefühlswelt voraussetzungslos mitzuteilen, unbeeinflusst von den äußerlichen Formen der Natur. Mehrmals verwies er auf die Musik und bezeichnete das Malen als ein Komponieren mit Formen und Farben, wie der Musiker mit Tönen und Klängen komponiere. Dies Komponieren war ihm ein durchaus sachlicher Vorgang. Obgleich seine Gemälde aus dieser Zeit oft wie aus dem Augenblick geboren, gleichsam nachtwandlerisch, erscheinen, sind sie in Wirklichkeit das Ergebnis sorgfältiger Überlegung und Berechnung. Um dem inneren Zwang, der zur Aussage drängte, gerecht zu werden, versuchte er die Kluft zwischen dem subjektiven Empfinden und der objektiven Aussage durch eine bewusste Ausarbeitung der Form zu überbrücken.
Nach seinem Ersten abstrakten Aquarell von 1910 schuf Wassily Kandinsky 1911 sein erstes Ölgemälde in diesem Stil. In den folgenden Jahren malte er sowohl gegenständliche als auch abstrakte Bilder. Abstrakte Werke wie beispielsweise Komposition IV von 1911 oder Improvisation 28 von 1912 zeigen Anklänge an Landschaftseindrücke. In Improvisation 30 von 1913 ist in der rechten unteren Ecke eine Kanone zu erkennen, obwohl das Bild sonst abstrakt gehalten ist. So erwecken viele dieser Werke den Eindruck, als sei die Wirklichkeit in ihnen zwar gegenwärtig, aber nicht wahrnehmbar.
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zwang Kandinsky, Deutschland zu verlassen. Er ging in die Schweiz und kehrte dann über Italien und den Balkan nach Russland zurück. In Moskau hielt er sich im allgemeinen von avantgardistischen Bewegungen wie "Suprematismus" und "Konstruktivismus" fern. Er malte nur wenige Leinwandbilder. 1918 wurde er Mitglied des Kunstkollegiums am Volkskommissariat und Professor an den Staatlichen Kunstindustriellen Werkstätten in Moskau. Man betraute ihn mit der Reorganisation der russischen Museen. 1920 wurde er auch zum Professor an der Moskauer Universität ernannt. Damals endete Kandinskys "dramatische Epoche". Im Jahre 1921 verließ er jedoch die UdSSR und kam im Dezember desselben Jahres nach Berlin. Er fühlte sich aber in dem von revolutionären Unruhen erschütterten Berlin der Nachkriegszeit nicht sehr wohl. 1922 ging er nach Weimar an das Bauhaus, das Walter Gropius 1919 gegründet hatte.
Dort traf er seinen Freund Paul Klee wieder. Kandinskys Gemälde aus dieser Zeit lassen deutliche Veränderungen erkennen. Der formlose Expressionismus seiner "Blauen Reiter-Periode" wandelte sich zu geometrischer Strenge, wobei Kandinsky die Elemente genau berechnete. Möglicherweise ging dieser Wandel auf Berührungen mit dem »Suprematismus" und dem "Konstruktivismus" in Moskau zurück. Nina Kandinsky bezeichnete die Jahre von 1920 bis 1924 als die "architektonische Epoche". Kandinsky selbst schrieb rückblickend 1924: "Im Jahre 1921 begann meine kühle Periode, aus der ich nun hervorgehen". Tatsächlich wirken seine damaligen Bilder bezüglich ihrer Farben sehr kühl, und das lineare Element weist auf eine dynamische Bewegung hin. In Weimar schloss sich Kandinsky mit Feininger, Klee und Jawlensky zur Gruppe "Die Blauen Vier" zusammen.
Besonders charakteristisch für Kandinskys Arbeiten aus dieser Zeit ist das 1923 gemalte Bild Komposition VIII mit einem System von dynamischen Linien, verbunden mit Kreisen von unterschiedlicher Größe und Farbe. Von 1925 bis 1929 beherrschte der Kreis Kandinskys Kunst. Der Maler schrieb später von seinem starken Gefühl für die innere Kraft des Kreises. Der Kreis bot ihm sehr verschiedenartige und gegensätzliche Möglichkeiten, seine Ideen auszudrücken. Er malte beispielsweise auf einem Bild nur mehrere verschiedene Kreise oder brachte einen Kreis mit anderen Elementen in Verbindung oder reduzierte ihn auf einen Halbkreis. Allgemein unterscheiden sich diese Bilder von den "architektonischen" Werken durch ihre größere malerische Einfachheit, an der Kandinsky bis zum Jahre 1933 festhielt. Eines der ausdrucksvollsten Werke über das Kreisthema ist Akzent in Rosa von 1926.
Wie Paul Klee lehrte auch Kandinsky am Bauhaus Formgestaltung. In seinem 1926 erschienenen Buch "Punkt und Linie zu Fläche" gab er eine Art Grammatik der Kunst. In eigenwilliger Auffassung analysierte er verschiedene graphische Elemente und Techniken: Beispielsweise charakterisierte er die vertikale gerade Linie als warm, die horizontale als kalt; der obere Bildteil erinnere an Leichtigkeit und Entspannung, der untere Bildteil bedeute Verdichtung; die linke Bildseite bewege sich vom Zentrum nach außen, die rechte Seite zum Zentrum nach innen. Noch schwerer nachzufühlen sind seine Erkenntnisse über die Winkel: So behauptete er, der rechte Winkel neige zu Rot, der Winkel von 60o zu Gelb und der stumpfe Winkel zu Blau.
1925 wurde das Bauhaus nach Dessau verlegt, wo es günstigere politische Bedingungen vorfand als in Weimar. Kandinsky fühlte sich hier sehr wohl, konnte sich aber jetzt nur drei Tage in der Woche mit seinen eigenen Arbeiten befassen, da er "nun auch mit administrativen Aufgaben betraut war". Seine Bilder aus der Dessauer Zeit sind durch ihre einfachen geometrischen Merkmale nicht mehr so "kühl" wie die Werke aus Weimar; sie zeigen stärkere Farben und sind seltener vom linearen Element beherrscht, als dies zwischen 1921 und 1924 der Fall war. Nina Kandinsky bezeichnete diese Zeit als die "romantische Epoche". Die rasch wachsende Opposition des Nationalsozialismus gegenüber dem Bauhaus veranlasste Kandinsky im Jahre 1933, Dessau zu verlassen. Er ließ sich in Paris nieder, wo er viele führende Maler traf; zu ihnen zählten Chagall, Léger, Miro, Mondrian und vor allem Hans Arp, mit dem ihn eine besonders enge Freundschaft verband.
Bis zu seinem Tode im Jahre 1944 schuf Kandinsky in den elf Pariser Jahren neben Aquarellen und Skizzen etwa 150 Ölgemälde von erlesener Schönheit; daneben schrieb er zahlreiche Artikel und Essays. Die Gemälde aus dieser Zeit, in der er seinen weichen und heiteren Altersstil, seine "große Synthese", entwickelte, bilden wieder einen besonderen Abschnitt in seinem Schaffen, den man im Vergleich mit dem Klassizismus der Bauhaus-Jahre als "barocke Epoche" bezeichnen kann. Kandinsky gebrauchte jetzt nicht mehr die geometrischen Formen, vielmehr wurden die Formen in zunehmendem Maß "amöboid". Er begann, die Bildräume in mehrere Flächen mit unterschiedlichen Figuren zu unterteilen, wobei jede Fläche im Gesamtbild eine eigene Funktion erhielt, wie beispielsweise auf dem Bild Sieben von 1943.Ähnlichgeheimnisvolle Figuren,die wie ineinem Tanz zueinander in Beziehung stehen, finden sich schon auf dem Bild Eine Figur zwischen anderen von 1939.
Entfernt erinnern diese amöboiden Formen an Erfindungen von Arp und Miro, die Kandinsky bewunderte. Diese "zoomorphen" Bilder wiederholte Kandinsky in zahlreichen Variationen. Frei von der Dynamik seiner früheren Werke, schweben die Formen sanft im Raum. Die räumlichen Beziehungen sind durch fast unmerkliche über5chneidun. gerl und gegenseitige Durchdringung angedeutet. Kandinsky bevorzugte nun hellgrüne Töne, Violett und Purpur. 1939 wurde Kandinsky in Frankreich naturalisiert. Er blieb auch nach 1940 in Paris, obwohl viele seiner Freunde wegen des Krieges Frankreich verließen. Das Kriegsgeschehen beeinflusste seinen Stil nicht. Nach 1942 arbeitete er meist in kleineren Formaten, da es schwierig wurde, große Leinwand zu beschaffen. Neun Monate vor seinem Tode begann er sein letztes Bild Gemäßigter Schwung.
Kandinsky gelangte in Paris zu hohem Ruhm; sein Stil, der ungemein persönlich war, läßt kaum einen Vergleich mit anderen .Malern zu. Sein Einfluß ist schwer zu umreißen; wahrscheinlich erstreckt er sich ebenso auf alle abstrakt-expressionistischen Bewegungen unserer Zeit wie auch auf die andersgerichtete Kunst von Malern wie beispielsweise Max Bill.
H.Read Kindler © Lexikon der Malerei